Wir nähern uns dem Jahr 2013. Unsere Smartphones sind so dünn wie ein Bleistift und verfügen über 8-Megapixel Kameras. Wir sind zu jeder Zeit für ein Video in 1080p bereit. Ich stelle mir eine Frage: Wie blicken die heute geborenen Kinder auf ihre frühe Jugend zurück, wenn sie eines Tages, so wie ich heute, in ihren “Mittzwanzigern” sind. Schließlich waren sie dann schon im Kindergarten in HD.
Wenn ich meine Kinderfotos aus den Achtzigern anschaue sehe ich verschwommene, farblich ausgeblichene Bilder, in einem schweren staubigen Album. Schnell ergibt sich eine Gefühl der unbeschwerten Zeit ohne Castingshows und potentieller Altersarmut. Ich schaue weiter zurück: Die “Mittzwanziger” meiner Eltern. Die Fotos bestechen durch einen starken Rotanteil und oft hoher Überbelichtung. Wir befinden uns in den wilden 70ern, in denen Deutschland noch Weltmeister war. Es ist schon merkwürdig. Wir verbinden unweigerlich mit den Technikstandards der Fotos aus einer zeitlichen Ära ein bestimmtes Lebensgefühl. Wir identifizieren uns sogar als Walkman-, Gameboy-, oder Facebook-Generation.
Nun passiert seit ein paar Jahren etwas sehr kontroverses.
Die Technik schreitet weiterhin stark voran, damit jedoch auch der Wunsch nach der nostalgischen Unvollkommenheit. Wir sehnen uns zurück nach den limitierten, rotstichigen Schnappschuss-Kameras unserer Eltern. Dem Moment, in dem wir die bereits aus unserem Gedächtnis verschwundenen Fotomotive in 10×15 aus dem kleinen Fotolabor abholen. Mit Apps wie Instagram ist es uns heute möglich aus der eintönig erscheinenden Gegenwart wieder ein Gefühl der wilden Siebziger herbei zu zaubern. Nur wenige Berührungen der gläsernen Oberfläche unseres mobilen High-Tech-Begleiters sind notwendig für eine kleine Zeitreise.
Es gibt mit Sicherheit sehr viele Gründe warum der Retro-Look zum gegenwärtigen Trend im Design und in der Kunst geworden ist. Zu den entscheidenden zählen die sehr einfache Simulation und Herstellung des Retro-Effektes und die enorm atmosphärische, emotionale Wirkung. Künstler wie Lana Del Ray machen mit Musikvideos auf Super-8-Film den Vintage-Look zur aktuellen Popkultur.
Und? Wer hat’s erfunden?
Nein, nicht unsere Eidgenossen, örtlich allerdings nicht weit von ihnen entfernt, die Österreicher. Anfang der 90er Jahre begannen Studenten aus Wien mit einer Stilrichtung der Fotografie, die sich “Lomographie” nennt. Abgeleitet von der der Sankt Petersburger Firma Lomo, die mit der Loko LC-A eine sehr simple Kompakt Kamera herstellte. Die Regeln dieser Kunstform aus der Schnappschussfotografie sind sehr einfach und auf lomography.com nachzulesen. Im wesentlichen geht es darum seine kompakte Kamera immer dabei zu haben, beim Fotografieren nicht nachzudenken und sich an keine Regeln zu halten. Der prägnante Charakter der Fotos ergibt sich aus dem geringen und dadurch schwer zu berechnenden, technischen Standard der Kameras.
Ideal also als Kunstform, die auch mit einem Smartphone betrieben werden und in soziale Netzwerke gespeist werden kann. Nur wird kein echter Lomograph die Retro-Look-Bilder aus dem iPhone ernst nehmen. Schließlich ergibt sich der echte Effekt nur durch die limitierte Hardware und dem chemikalischen Entwicklungsprozess. Nicht durch die tollen Software gebundenen Filter einer App.
Es gibt jedoch eine Lösung wie man auch auf digitalem Wege zum authentischen “Lomo-Effekt” kommt.
Ein Großteil des fertigen Fotos hängt nicht an der Frage analog oder digital, sondern an der, welches Objektiv genutzt wird. Für knapp 20 Euro ist es möglich in gängigen Online-Versandhäusern eine Holgalinse zu erwerben, die identisch mit dem Objektiv der chinesischen Holga 120 S ist. Eine Kamera, die in der Welt der Lomographie aufgrund ihres geringen Preises und der hohen Sättigung sehr beliebt ist.

Als Beispiel des Lomo-Effekts habe ich eine Nikon D5000 mit genannter Plastiklinse ausgestattet und Fotos im herbstlich anmutenden Osnabrücker Schlossgarten gemacht. Zum Vergleich steht jeweils ein Foto, das mit einem Sigma 70-300 Objektiv geschossen wurde rechts daneben. Da diese Ergebnisse ohne Entwicklung entstanden, konnte ich dank der sofortigen Ansicht auf dem Kameradisplay viel erproben. Diese Vorgehensweise ist für Einsteiger somit sehr empfehlenswert.





Habt Ihr schon Erfahrungen mit der Lomographie gemacht und welche Farben haben Eure Kinderfotos?
Ich freue mich auf Eure Kommentare.