Hinter den Kulissen

Masterarbeit: Usability Support für den Mittelstand

H eike Hörnschemeyer ist Masterstudentin des Studiengangs Usability Engineering der Hochschule Rhein-Waal und hat sich in ihrer Masterarbeit bei basecom mit dem Thema beschäftigt, wie kleine und mittelständische Unternehmen unterstützt werden können, nutzerzentriert zu entwickeln, damit Produkte eine gute Nutzerfreundlichkeit aufweisen. Hierfür wurde ein Test zur Selbsteinschätzung entwickelt, mit welchem Unternehmen, die Software entwickeln, ermitteln können, wo Verbesserungspotenzial hinsichtlich der Integration von Usability besteht. Die Masterarbeit trägt den Titel „Development of A Usability Capability Self-Assessment Tool for Improvement and Monitoring of Human-Centered Design in Small and Medium Sized Companies “. In diesem Blogartikel berichtet sie über einige interessante Erkenntnisse zu dem Thema und dessen Herleitung.

 

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Von Usability zu nutzerzentrierter Entwicklung

Usability – ein Thema das in der Softwareentwicklung immer wichtiger geworden ist und heute einen wesentlichen Faktor für den Erfolg eines digitalen Produktes darstellt. Usability meint Gebrauchstauglichkeit. Wer es genauer wissen will, der erkennt durch die Definition der ISO DIN 9241-210, dass Usability dann vorhanden ist, wenn ein bestimmtes Produkt oder Service von bestimmten Nutzern genutzt werden kann, um ein bestimmtes Ziel in einem bestimmten Nutzungskontext effizient, effektiv und zufriedenstellend zu erreichen

Doch wie kann in der Entwicklungsphase von Software bereits eine gute Usability sichergestellt werden? Indem der Nutzer mit seinen Eigenschaften, Zielen, Bedürfnissen und Fähigkeiten vollständig in dieser Phase berücksichtigt und eingebracht wird und die Software gezielt auf diese Aspekte hin entwickelt wird. Diese Vorgehensweise nennt sich nutzerzentrierte Entwicklung oder auch Human-Centered Design. Sie beschreibt die Entwicklung bei welcher Nutzer und Nutzungskontext von Anfang bis Ende in die Entwicklung eingebracht werden. So wird garantiert, dass die Software nicht nur eine leichte Bedienung aufweist, sondern darüber hinaus der Nutzer sein Ziel erreicht und dabei sogar eine positive Erfahrung erlebt. Dass Usability unerlässlich und wichtig ist, sollte heutzutage bereits nicht mehr in Frage gestellt werden. Um nicht am Nutzer „vorbeizuentwickeln“, realisieren immer mehr Unternehmen den Human-Centered Design Prozess. Laut einer Studie hängt Deutschland dabei jedoch Ländern wie der USA hinterher. Was dort bereits zum Standard zählt, wird hier meist nur sporadisch und nicht nachhaltig durchgeführt. Zudem haben es kleine und mittelständische Unternehmen oft schwieriger Usability in ihre Entwicklungsprozesse zu integrieren. Gründe können dabei vielfältig sein: oft fehlt es an Budget, Personal oder Knowhow. Darüber hinaus gibt noch nicht viele Aus- oder Weiterbildungsmöglichkeiten in Deutschland für Usability. Oftmals wird das Thema zwar in Designstudiengängen in einzelnen Fächern angeschnitten, sodass zumindest ein wenig Basiswissen vermittelt wird. Dennoch fehlt es nicht selten an dem nötigen Knowhow, um nachhaltiges und effektives nutzerzentriertes Design umzusetzen. Ist ein Unternehmen erst auf diese Themen aufmerksam geworden, stellt die Integration der Abläufe in ein Unternehmen meistens eine der größten Hürden dar.

In ihrer Masterarbeit hat sich Heike somit dem Thema zuwendet, wie kleinere und mittelständische Unternehmen unterstützt werden können, nutzerzentrierte Entwicklung in ihre Prozesse einzubringen.

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Audit als Ansatz zur Verbesserung der nutzerzentrierten Entwicklung

Ein Ansatz, die Prozesse von Unternehmen zu optimieren, ist eine Auditierung durchzuführen, welche die Fähigkeit der Anwendung und Durchführung von konkreten Prozessen bewertet. Darauf basierend werden Verbesserungspotenziale und Handlungsvorschläge abgeleitet werden können. Das Thema der Prozessoptimierung ist nicht neu. Seit den 90ern gibt es beispielsweise Normen, die speziell Prozesse der Softwareentwicklung beschreiben. Auch Audits gibt es bereits zugeschnitten für diesen Bereich. Bei diesen wird festgestellt, welches Fähigkeitslevel ein Unternehmen hinsichtlich der Durchführung von Prozessen in der Softwareentwicklung besitzt. Das Ergebnis eines Audits im Bereich der Integration von Usability hilft dabei, aufzuzeigen, wo ein Unternehmen steht und wie sich ein Unternehmen im Human-Centered Design verbessern kann. Gemeinsam werden dann beispielsweise Roadmaps mit konkreten Meilensteinen für die Realisierung von Maßnahmen erstellt. So werden dann Prozesse optimiert, um nachhaltig zuverlässige Qualität zu liefern und effizient und erfolgreich Software zu entwickeln.

Nachteile traditioneller Audits

Hier spielt natürlich die folgende Frage eine große Rolle: Warum nicht auch ein Audit zur Verbesserung von Usability einsetzen?

Und tatsächlich gibt es mehrere Ansätze solcher Usability Auditierungen. Auch diese basieren auf einem Modell, welches die ideale Vorgehensweise der Anwendung des Human-Centered-Designs aufzeigt. Studien zeigen allerdings, dass diese sehr formalen und dokumentationslastigen Usability-Audits sich in der Praxis, besonders für kleine und mittelständische Unternehmen, nicht sehr bewährt haben, da sie häufig ihr Ziel verfehlen und aufgrund des hohen Aufwands beispielsweise bzgl. des Levels an Formalität in der Praxis oder der Kosten kaum Einsatz finden. Zudem ist das Referenzmodell der ISO EN 18152, welches die ideale Durchführung der Prozesse beschreibt, zu abstrakt und kann sehr unterschiedlich interpretiert werden. Diese Faktoren lassen eine aussagekräftige Bewertung durch Audits schwer werden.

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ISO Normen: Wozu brauch ich die?  

Bedeuten die Nachteile der Auditierungen auch, dass ISO Normen für kleine und mittelständische Unternehmen generell nicht interessant sind?

Nein, mit der Veröffentlichung der ISO DIN EN 9142-220 (Ergonomie der Mensch-System-Interaktion - Teil 220: Prozesse zur Ermöglichung, Durchführung und Bewertung menschzentrierter Gestaltung für interaktive Systeme in Hersteller- und Betreiberorganisationen) im Juni 2017 ist beispielsweise eine Norm geschaffen worden, die den Anspruch hat, alle Prozesse und Aktivitäten, die in der nutzerzentrierten Entwicklung aufkommen, praktisch und nachvollziehbar zu beschreiben. Diese Beschreibungen sind dabei so konkret, dass sie auf eine praktische Anwendung abzielen, und dabei gleichzeitig so abstrakt sind, dass sie auf alle Prozessmodelle in der Softwareentwicklung angewandt werden können. Außerdem beschreibt die Norm, anders als vorherige, nicht nur die Durchführung der nutzerzentrierten Entwicklung selbst, sondern geht darüber hinaus auch darauf ein, welche Voraussetzungen dafür an einem Unternehmen geschaffen werden müssen.

Was ist die Alternative zu einem Audit?

Wenn diese Norm nun also den aktuellen Wissensstand über nutzerzentrierte Entwicklung wiedergibt, wie kann damit einem Unternehmen geholfen werden?

Für Heike war klar: Wenn ein kleines oder mittelständisches Unternehmen das Bestreben hat, die Usability, und somit die nutzerzentrierte Entwicklung zu verbessern, kann ein traditionelles Audit nicht die geei  gnetste Lösung sein. Als wesentlich sinnvoller sieht Heike hier einen praktischeren Ansatz: ein Selbst-Test für Unternehmen. Ist ein Unternehmen also daran interessiert nutzerzentriert zu arbeiten und will die eigenen Verbesserungspotenziale ermitteln, kann der Usability Selbst-Test auf schnelle und kostengünstige Weise sehr hilfreich sein.

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Der Usability Selbst-Test

Dieser ist wie eine Checkliste aufgebaut, welche alle Prozesse, die in der nutzerzentrierten Entwicklung empfohlen werden, aufführt. So kann zunächst überprüft werden, welche Prozesse im Unternehmen bereits durchgeführt werden und welche noch nicht. Der Selbst-Test bietet im Gegensatz zu einem traditionellen Audit die Vorteile, dass er schnell und kostengünstig durchgeführt werden kann. Ein Nachteil ist zwar, dass die Objektivität der Ergebnisse leiden könnte, da der Test nicht von externen Dienstleistern (wie bei einem Audit) durchgeführt wird, sondern unternehmens-intern ausgefüllt wird. Da jedoch im Gegensatz zu einem Audit der Selbst-Test allerdings nicht das Ziel einer offiziellen Zertifizierung verfolgt, ist dieser Punkt kein Nachteil. Es geht in erster Linie darum die empfohlenen Aktivitäten der ISO DIN EN 9241-220 mit den eigenen zu vergleichen und dadurch das Wissen zur Verbesserung im eigenen Unternehmen zu nutzen. Der Selbst-Test ist daher in mehrfacher Hinsicht nützlich, denn er...

  • ...hilft einzuschätzen, wo ein Unternehmen hinsichtlich nutzerzentrierter Entwicklung steht.
  • ...deckt Verbesserungspotenziale auf.
  • ...ermöglicht wiederholte Tests zur kontinuierlichen Verbesserung über längere Zeiträume.
  • ...unterstützt die Weiterbildung und den Ausbau des Know-Hows im Bereich Usability.
  • ...unterstützt die strategische Positionierung des Themas Usability im Unternehmen.

Umsetzung und Validierung des Selbst-Tests

Der Selbst-Test wird derzeit iterativ entwickelt und daher an mehreren Unternehmen auf seine Nützlichkeit getestet werden. Auf diese Weise sollen folgende Forschungsfragen beantwortet werden:

  1. Wie kann ein Selbst-Test aussehen, damit kleine- und mittelständische Unternehmen in der kontinuierlichen Verbesserung der nutzerzentrierten Entwicklung unterstützt werden?
  2. Wie gut lässt sich für diesen Zweck der Inhalt der ISO DIN EN 9241-220 nutzen?

Ausblick

Wir sind weiterhin gespannt auf die Ergebnisse der Masterarbeit und freuen uns, um unsere Weiterentwicklung in diesem Bereich weiterhin voranzutreiben, den Selbst-Test bald auch hier einsetzen zu können und von den Ergebnissen zu profitieren! Uns interessiert, welche Erfahrungen Sie bereits mit Auditierungen in diesem Themenbereich gemacht haben und was Sie an einem Selbst-Test am meisten reizen bzw. interessieren würde.


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